Liebe Anja,
 
seit drei Jahren prägst Du als Grafikerin das optische Erscheinungsbild des Göttinger Literaturherbstes. Welche Ideen stecken hinter dem Design?
Anja Leidel: Im ersten Jahr haben wir uns ein wenig rangetastet: Was wollen wir erhalten, was weiterentwickeln? Wir haben uns sehr auf die Funktionalitäten konzentriert: Wie können wir die Vielfalt der Veranstaltungen gut und praktisch darstellen. Im zweiten Jahr konnten wir uns stärker auf die Evolution der Marke konzentrieren. Elemente wie das abstrahierte Buchformat (der Leseband) und das Lesebändchen. Dazu Lesezeichen, die für das vielfältige Angebot stehen. Ein herbstliches Farbspektrum mit den Hauptfarben Weinrot und Goldgelb besetzt die dunkle Jahreszeit positiv. Im eleganten Zusammenspiel mit der modernen Interpretation einer klassizistischen Serifenschrift entsteht klare Lesefreude.
Besonders das Programmheft, unsere »Festivalbibel«, hat es in sich, denn hier müssen alle Informationen kompakt, übersichtlich und appetitlich präsentiert werden. Wie wird aus einem riesigen Haufen unterschiedlicher Informationen ein so stimmiges und liebevoll arrangiertes Produkt? 
Vielen Dank für die Blumen! Nun, mit Geduld, Konsequenz und eben einer Portion Liebe. Texte, Bilder und technische Informationen werden gruppiert und auf die Essenz eingedampft. Alles, was überflüssig ist, muss raus. Es gibt keine Trennung zwischen Inhalt und Form — beides wird geformt, bis es stimming ist. Es kommt auf die Details an: Auch bei einer großen Menge an Informationen ist es möglich, Klarheit durch Detailarbeit und passende Abstände zu schaffen. Es geht darum, die richtigen Beziehungen herzustellen.
Was ist für dich das Besondere an der Zusammenarbeit mit dem Göttinger Literaturherbst?
Besonders finde ich den inspirierenden Literaturkontext. Außerdem schätze ich das Vertrauen in meine Arbeit, die charmante Zusammenarbeit und die Kompetenz auf Kundenseite, beispielsweise in der Anlieferung feiner Texte.
Was macht deiner Meinung nach einen guten Gestalter aus?
Ich finde, der Kern der Arbeit ist das Gespräch. Selbst im Schneckenhaus der Konzentration ist meine Arbeit — das Gestalten — ganz Gespräch: Ich rede mit Menschen, denke mich in ihre Themen, Ideen, Produkte, Persönlichkeiten, Institutionen hinein und mache diese mittels Form, Farbe, Fläche, durch Wort, Schrift und Bild, aber auch durch Materialien, Tonfall und Stimmungen greifbar. Es hat viel mit Intuition zu tun. Mit Strukturierung und Kontext. Ob daraus dann Erscheinungsbilder entstehen, Drucksachen oder Produkte, ist beinahe zweitrangig. Im Kern geht es um das Erzählen, braucht also viel Neugier, die Freude am Spiel und einen unbedingten Gestaltungswillen. Das ist neben dem Handwerk sicher auch Charakterfrage und Lebensmodell. Und es geht darum, im rechten Moment aufzuhören.
Wie würdest Du Deine gestalterische Handschrift beschreiben?
Ich habe an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert. Inhalt, Form und Funktion greifen für mich ganz klar ineinander. Stilistisch bevorzuge ich charmante Klarheit und leuchtende Prägnanz. Farbe spielt eine große Rolle, auch Haptik. 
Welche gestalterischen Vorbilder haben dich geprägt und wie?
Frühe Inspiration fand ich im näheren Umfeld, bei tollen Grafikern wie Ute Stumpp, Erik Buchholz, Eberhard Dietzsch und Daniel Janetzky, auch in der Familie. Visionäre verschiedener Disziplinen inspirierten mich. Maler wie Klimt, Matisse, Miró, Kandinsky, Schiele, Dix. Gestalter wie Neville Brody, Paul Rand, Tomato, Otl Aicher, Sofia Coppola, Peter Zumthor waren Helden. Aber auch Musiker und die Musik fand ich immer inspirierend und eng mit dem Gestalten verknüpft. Schwer, hier die wichtigsten herauszusuchen. Vielleicht Goldfrapp, PJ Harvey, Tricky, Neil Young, Stereolab, John Coltrane, Portishead, Soundgarden, Björk. Oh, das ist schwierig einzugrenzen. Worte, Musik und Figur in Kombination sind wahre Kunstwerke des Gestaltens für mich. Diese Künstler begleiten mich wie eine klar umrissene Quelle der Inspiration. Ich funktioniere da sehr binär — entweder sehr prägend und dann ewig, oder irrelevant.
Hast du selbst ein Lieblingsbuchcover?
Klar, einige. Das wechselt auch. Zu Hause wie im Büro begleiten mich viele Bücher, die je nach Projekt und Stimmung rausgezogen und stapelweise oder einzeln zum Schreibtisch getragen werden. Als erstes fallen mir wunderbare Taschenbücher ein wie Gontscharows »Nymphodora Ivanovna« in der blauen Ausgabe der Friedenauer Presse, oder Marguerite Duras’ »Blaue Augen, schwarzes Haar« in der herrlichen schwarz-weißen Form von Volk und Welt.
Was möchtest du mit deiner Arbeit erreichen?
Ich möchte Menschen damit bewegen. Gestaltung definiert und signalisiert. Sie kann ganze Welten schaffen, und Atmosphären. Es bringt Menschen zusammen (oder auseinander). Es macht Unternehmungen sichtbar. Gestaltung startet, prägt ein, bringt Ordnung in die Welt, schafft Klarheit. Gestaltung wirkt auf jeden Fall, ob gut oder schlecht, ob gesteuert oder nicht — sie wirkt. Also besser, man konzentriert sich auf die Qualität.
Was wäre ein Traumauftrag für dich?
Ich liebe den Gesamtblick, bin also gerne Hausgrafikerin. Und herrlich wäre es, mit an Musikprojekten zu arbeiten, ob Artwork, Veranstaltungsgrafik oder Büchermachen. Musik spielt sowieso eine große Rolle im Leben, sie mit der Arbeit zu verknüpfen — ein Traum. 
Was ist dein persönliches Highlight im Programm des 29. Göttinger Literaturherbstes?
Wenn ich könnte, wäre ich alle Tage da. Besonders freue ich mich auf Stefanie Sargnagel, Max Goldt und Katja Lewina, und auf meinen Besuch in der Stadt. Ich mag die besondere Atmosphäre an den Festivaltagen. Und die Geschichten.

Das Gespräch führte Marie Varela. Mehr zu Anja Leidel finden Sie unter anjaleidel.de
Foto: Ludwig Schöpfer


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